Donnerstag, 22. September 2011

Der Besuch des alten Herrn

Also, heute ist in Berlin ein alter, gebrechlicher Mann angekommen, der ganz in Weiß gekleidet ist und sehr sanft und gelehrt aussieht. Ich habe mal meine Mama gefragt und sie sagte, es sei der Herr Papst. Herr Papst? Oder hab ich da was falsch verstanden …
Auf jeden Fall habe ich seine Ankunft im Fernsehen angesehen und ich habe nicht mal gebellt. Irgendwie sah alles sehr feierlich aus und ich hab es mir nicht getraut, außerdem hatte der Herr Papst keinen eigenen Hund dabei und auch kein Pferd. Gepfiffen hat er auch nicht, sonst hätte ich wohl bellen müssen.
Unsere Angie war auch dabei, sie sah total schick aus in ihrem schwarzen Hosenanzug. Und da war ein sehr netter, kluger Herr und ich dachte mir das muss der Gastgeber von Herrn Papst sein, oder? Er hat eine sehr interessante und auch etwas kritische Rede gehalten und den Herrn Papst vor seiner großen Hundehütte willkommen geheißen, ich glaube das ist das Schloss Bellevue bei uns um die Ecke …
Ich bin ja nur ein kleiner Mops, aber ich sehe das Leben mit offenen Augen an. Als ich neulich in der Stadt war, sah ich die vielen Vorbereitungen für den Besuch dieses Herrn Papst. Und jemand hat zu uns gesagt, dass es viele, viele Millionen Euro kostet damit dieser nette alte Herr uns in Berlin besuchen kann.
Aber wir sind doch eine arme Stadt? Arm, aber sexy sagt immer unser Herr Wowereit, der Schwarm meiner Mama. Ich sehe jeden Tag wie arm wir hier wirklich sind. Ich sehe dass viele Menschen in Berlin keine Arbeit haben, kein Geld und oft am Existenzminium leben. So ganz verstehe ich dann nicht dass unser Geld für einen Besuch ausgegeben wird, den wir uns gar nicht leisten können?
Ich mag es auch nicht, wenn Menschen wegen ihres Glaubens, ihres Geschlechts, ihrer Einstellung oder weil sie z.B. eine andere sexuelle Orientierung haben nicht anerkannt werden. Für mich als kleiner Mops sind alle Menschen gleich. Ich habe viele homosexuelle Freunde und die sind immer total nett zu mir. Und warum sollen geschiedene Menschen nicht wieder in dieser großen Kirche bei uns um die Ecke heiraten dürfen? Ich glaube dem netten Herrn, der im großen Hundezwinger Schloss Bellevue lebt geht es auch so. Er hat ne hübsche zweite Frau und durfte die nicht kirchlich heiraten. Wie komisch die Menschen sind, oder?
Auf jeden Fall schaue ich mir diesen Besuch im Fernsehen ganz genau an. Ich dachte schon daran, diesem alten Herrn mal meine Meinung zu sagen. Aber meine Mama hat mich zurück gehalten, sie meinte dass er nicht wirklich etwas dafür könne. Er sei nur das Symbol für diesen Glauben und irgendwann einmal wird sich alles ändern.
Aber ich möchte einfach nur denken dass Glaube eine sehr kostbare menschliche Regung ist, die vielen Kraft gibt. Das Drumherum ist nicht wichtig. Und so frage ich mich, warum dieser Herr Papst nicht ein Zeichen setzt, also ich würde das tun! Wenn ich kein kleiner Mops, sondern der Herr Papst wäre, würde ich heute Abend in unserem Olympiastadium an einem ganz einfachen Holztisch predigen und nicht an einem Altar, der eine halbe Million Euro gekostet hat.


Mit einer halben Million Euro könnten wir hier viele Schulen renovieren, oder Menschen und Tieren helfen denen es nicht gut geht. Wir  könnten mit diesem Geld in unserer armen Stadt so viel Gutes tun. Wir könnten das Geld der Arche spenden, die jeden Tag Tausenden von Berliner Kindern ein Mittagessen zubereitet, das sich ihre Eltern nicht leisten können …

Aber trotz allem, herzlich willkommen Herr Papst! Auch wenn wir teilweise kritisch Ihrem Besuch gegenüber stehen, auch wenn wir nicht alles tolerieren wollen was sie repräsentieren. Trotzdem wollen wir Ihnen Respekt zeigen und Sie bitten, die Modernisierung Ihrer Kirche einzuleiten.
Hoffen wir also mal dass dieser Herr Papst aufmerksam durch unser Land geht, das auch seines ist und vielleicht ändert sich dadurch auch etwas?

Das wünscht sich heute
Euer Carlos