Hallo ihr Lieben,
heute ist ein Tag, der von vielen Nichtbetroffenen nicht wahrgenommen wird, weil sie nicht wissen können was er bedeutet.
Der dritte Advent ist auch der "International Candlelight Day", der "internationale Gedenktag" für verstorbene Kinder. Ab 18 Uhr werden Kerzen in die Fenster gestellt, über alle Zeitzonen hinweg, damit formt sich ein weltweiter Lichtstrahl für die Sternenkinder, die uns vorausgegangen sind.
Ein Kind zu verlieren ist einfach unaussprechlich, meine Mama muss damit - so wie viele Menschen - jeden einzelnen Tag leben und ich helfe ihr dabei. Sie sagt, ohne mich und meine Liebe würde sie es nicht schaffen ... und auch nicht ohne ihre Freunde, die sie einfach so annehmen wie sie nun ist. Manchmal voller Trauer, manchmal voller Lebensfreude .. ich denke Alexander hätte nichts anderes gewollt. Aber es ist so schwer.
Daher möchte ich heute an Alexander erinnern, den ältesten Sohn meiner Mama den ich leider niemals kennenlernen durfte. Mit ihm wäre ich gerne über Wiesen getollt, mit ihm hätte ich gerne so viele Abenteuer bestanden .. aber seht selbst.
Intensiv leben wollte ich
Das Mark des Lebens in mich aufsaugen
Um alles auszurotten
Was nicht Leben war
Um nicht in der Todesstunde innezuwerden
Dass ich gar nicht gelebt hatte.
(Henry David Thoreau)
Deutschland, 1996
Militärdienst bei der Marine
Militärdienst bei der Marine
ITHAKA
As you set out for Ithaka
hope your road is a long one,
full of adventure, full of discovery.
Laistrygonians and Cyclops,
angry Poseidon – don't be afraid of them;
As long as you keep your thoughts raised high,
As long as a rare excitement
stirs your spirit and your body.
Laistrygonians and Cyclops,
wild Poseidon – you won't encounter them
unless you bring them along inside your soul,
unless your soul sets them up in front of you.
Hope your road is a long one.
May there be many summer mornings when,
with what pleasure, what joy,
you enter harbours you're seeing for the first time:
may you stop at Phoenician trading stations
to buy fine things,
mother of pearl and coral, amber and ebony,
sensual perfume of every kind –
and may you visit many Egyptian cities
to learn and go on learning from their scholars.
Keep Ithaka always in your mind.
Arriving there is what you're destined for.
But don't hurry the journey at all.
Better if it lasts for years,
So you're old by the time you reach the island,
wealthy with all you have gained on the way.
Not expecting Ithaka to make you rich.
Ithaka gave you the marvellous journey,
Without her, you would'nt have set out.
She has nothing left to give you now.
And if you find her poor,
Ithaka won't have fooled you.
Wise as you will have become,
so full of experience,
you'll have understood by then
what these Ithakas mean.
And now the journey is over.
Too short, alas, too short.
It was filled with adventure and wisdom,
laughter and love, gallantry and grace.
So farewell, farewell.
As you set out for Ithaka
hope your road is a long one,
full of adventure, full of discovery.
Laistrygonians and Cyclops,
angry Poseidon – don't be afraid of them;
As long as you keep your thoughts raised high,
As long as a rare excitement
stirs your spirit and your body.
Laistrygonians and Cyclops,
wild Poseidon – you won't encounter them
unless you bring them along inside your soul,
unless your soul sets them up in front of you.
Hope your road is a long one.
May there be many summer mornings when,
with what pleasure, what joy,
you enter harbours you're seeing for the first time:
may you stop at Phoenician trading stations
to buy fine things,
mother of pearl and coral, amber and ebony,
sensual perfume of every kind –
and may you visit many Egyptian cities
to learn and go on learning from their scholars.
Keep Ithaka always in your mind.
Arriving there is what you're destined for.
But don't hurry the journey at all.
Better if it lasts for years,
So you're old by the time you reach the island,
wealthy with all you have gained on the way.
Not expecting Ithaka to make you rich.
Ithaka gave you the marvellous journey,
Without her, you would'nt have set out.
She has nothing left to give you now.
And if you find her poor,
Ithaka won't have fooled you.
Wise as you will have become,
so full of experience,
you'll have understood by then
what these Ithakas mean.
And now the journey is over.
Too short, alas, too short.
It was filled with adventure and wisdom,
laughter and love, gallantry and grace.
So farewell, farewell.
(C. P. Cavafy)
Dieses Gedicht ist dem Andenken Alexanders gewidmet,
der auf seiner größten und letzten Reise ist,
möge sie ihm das geben, wofür er gelebt hat.
der auf seiner größten und letzten Reise ist,
möge sie ihm das geben, wofür er gelebt hat.
Ägypten, Oase Siwa, 2001
If we look at the path
We do not see the sky.
We are earth people
On a spiritual journey to the stars.
Our quest, our earth walk
Is to look within
To know who we are
To see that we are connected to all things.
That there is no separation
Only in the mind.
(Native American Prayer)
Das letzte Foto von Alexander,
aufgenommen kurz vor seinem Tod
am Manavgat-Fluss bei Side in der Türkei
aufgenommen kurz vor seinem Tod
am Manavgat-Fluss bei Side in der Türkei
Nachruf
Alexander Nasr
Die Wüste kannte er gut, jeden Tag hatte der Wind ihren Sand in sein Kinderzimmer geweht.
Zweimal ist ihr das passiert. Sie stieg in die S-Bahn und wusste: Mein Sohn ist da. Sie fühlte es, irgendwie, als ob seine Stimme: Hi, Mum, zu ihr gesagt hätte, als ob er neben ihr stünde. Sie ging von Waggon zu Waggon, bis sie ihn gefunden hatte. Natürlich saß er da, in der Hand eine hebräische Grammatik und strahlte sie an, als er sie entdeckte. Was hatte das zu bedeuten? Überhaupt etwas? Eine Anekdote für gesellige Runden – stellt euch vor, was uns gestern passiert ist? Fast telepathisch – gibt es so was überhaupt?
Was bleibt, ist das Gefühl in ihr. Er ist ihr einfach besonders nah, ihr ältester Sohn Alexander. Das Leben hat Großes mit ihm vor. Warum hätte es ihm sonst so viel schenken sollen – die schöne Gestalt, den wachen Geist, die Fähigkeit, unermüdlich zu arbeiten? Tage und Wochen über Büchern zu sitzen, das macht ihm nichts aus. Mit Anfang 20 spricht er sechs Sprachen, studiert Jura, Arabistik, Politische Wissenschaften, Orientalisches Recht. Diplomat will Alexander werden, und keiner zweifelt daran, dass ihm das auch gelingen wird.
Das klingt so geradlinig, so, als habe er nicht rechts und nicht links geschaut, nur immer sein Ziel vor Augen. Mit seinen 24 Jahren hat er aber schon viel vom Leben begriffen. Geld, ein großes Auto, ein Schrank voll Kleider, darüber lacht er. Er hat eine Jeans und zwei Pullover. Familie, Freunde, Freiheit, das zählt. Ein Leben an einem Geländer, ein Leben voller Sicherheiten ist ihm ein Graus. Er reist durch die Welt mit ein paar Mark in der Tasche und dem Rucksack voll Konserven, er schleicht sich ins Adlon, am Portier vorbei, um die Wendeltreppe hinunter zu rutschen, lernt als Sohn eines Ägypters Hebräisch. Die echten Abenteuer kosten nicht viel. Nicht viel Geld jedenfalls.
Andere fahren zum Überlebenstraining in die Wüste. Die Wüste kannte er gut, jeden Tag hatte der Wind ihren Sand in sein Kinderzimmer geweht. In der Hafenstadt Djidda am Roten Meer, durch die Tausende von Pilgern nach Mekka strömten, war er aufgewachsen. Mit 17 stand er plötzlich in einer verregneten Vorortsiedlung bei Stuttgart und sollte das Abitur machen, weil die deutschen Schulen in Saudi-Arabien nach der zehnten Klasse endeten. Es ging ihm elend in dem fremden, kalten Land, das seins sein sollte. Es fehlte ihm das Haus voller Sprachen, in dem er Deutsch mit der Mutter, Englisch und Arabisch mit dem Vater gesprochen hatte, der kleine Bruder, die Eltern, die zunächst nicht mit ihm kommen konnten. Stattdessen nun die Stille der Rasenflächen und Reihenhaussiedlungen, das war gewöhnungsbedürftig. Aber er überlebte es, irgendwann gefiel es ihm sogar, er entdeckte die Kraft, die in ihm steckte, danach machte ihm fast nichts mehr Angst.
Er ging so furchtlos durchs Leben, dass es seiner Mutter ein wenig unheimlich war. Auch wenn sie sah, wie sich in den letzten Jahren vieles fügte. Die Familie traf sich endlich wieder in Berlin, Alexander stand kurz vor dem Abschluss des Studiums, er fand seine große Liebe. Wie hätte man dieses Glück schützen können?
Eine Woche türkische Riviera, Last Minute, schnell auf dem Nachhauseweg von der Uni gebucht. Sie freute sich für ihn, als er anrief, um Bescheid zu sagen. Ein paar Tage in die Sonne, mit der Freundin, ausspannen nach ihrem Examensstress. Alexander liebte die Türkei, war schon oft dort, sprach die Sprache fließend. Keine Angst Mum, diesmal keine Abenteuerreise. Das letzte Foto zeigt ihn vor dem Fluss Manavgat, im Hinterland von Side an der Riviera. Es ist der Vormittag des 11. April. Im Hintergrund des Fotos sieht man dunkle Wolken aufziehen. Und doch muss es ein schöner Tag gewesen sein. Perfekt für eine Schlauchbootpartie am Nachmittag – auf dem Manavgat, der berühmt ist für seine Wasserfälle.
Seiner Mutter geht es nicht gut an diesem Nachmittag des 11. April. Ohne Grund bricht sie an ihrem Schreibtisch weinend zusammen. Zu viel Stress, sagt sie sich, das Klima im Büro. Zu Hause im Bett macht sie den Fernseher an, der sonst oft wochenlang ausgeschaltet bleibt. In den Nachrichten sprechen sie von zwei Berlinern, die in einem türkischen Fluss verunglückt sind. Die junge Frau konnte sich ans Ufer retten, der Mann wurde vom Strom mitgerissen, bis zu den Wasserfällen, als er versuchte, zum Boot zurückzuschwimmen. Die Mutter weiß, dass das ihr Sohn war, lange bevor das Telefon klingelt.
Sie hat einen Satz des Propheten Mohammed auf einen Zettel notiert: Wenn Gott beschließt, dass ein Mensch an einem bestimmten Ort sterben soll, gibt er ihm einen Grund, dorthin zu gehen. Sie weiß nicht, was dieser Satz bedeuten soll. So oft sie ihn auch liest, er sagt ihr nicht, warum ihr Sohn nun sterben musste, mit 24 Jahren. Was sollte er am Manavgat?
Heute warnen ein paar Schilder am Ufer die Touristen vor den Gefahren des Stromes. Dafür hat Alexanders Mutter gesorgt.
(Kirsten Wenzel, Tagesspiegel Berlin)
Begrenzt ist das Leben
Doch unerschöpflich ist die Liebe.
Ich sterbe, aber meine Liebe
Zu Euch stirbt nicht.
Ich werde Euch vom Himmel aus lieben,
Wie ich es auf Erden getan habe.
Wir haben Alexander im August 2002 mit großer Trauer
in der Nordsee beigesetzt.
Das Meer hat ihn uns genommen
Dem Meer haben wir ihn mit Schmerzen zurückgegeben.
Wir wollten ihm die Freiheit geben
Die ihm immer so wichtig war.
Die Freiheit zu reisen
Neue Orte und Kulturen zu entdecken
Menschen zu begegnen
Erfahrungen zu machen
Zu lernen von denen
Die ihm auf seiner letzten, langen Reise begegnen werden
Wer immer sie sein mögen.
Wir wollen ihn in den Wellen des Meeres wieder entdecken
Im Grün der Bäume
Und in den Farben der Blumen
In jedem einzelnen Regentropfen
Der sich mit unseren Tränen vermischt.
In Liebe und Sehnsucht
Mum
Ich wünsche Euch besinnliche Tage
Euer Mopsfreund Carlos Santana




